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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Die Welt 05.05.2007


Dagmar Chidolue zeigt, wie ein Junge zu den Nazis kommt

Die Stiefel sind allzu glatt

Von Thomas Lindemann

Deutschland ist arm - und die SA, diese neue, brutale Gruppierung, ist plötzlich überall. Sie schüchtert die Menschen ein. Das ist im Frühjahr 1932 selbst in Sensburg schon unübersehbar, dieser "kleinen Stadt am Ende des Reiches", wie Dagmar Chidolue den ostpreußischen Schauplatz ihres neuen Jugendromans "Flugzeiten" an einer Stelle nennt.

Aber Protagonist Bruno alias Bonna hat ganz andere Probleme. Seine Schwester Herta bekommt Brüste - das fühlt er an seinem Rücken, wenn die Kinder wie immer nebeneinander auf der engen Pritsche schlafen müssen. Es ist ihm unangenehm.
Bonna, mit 13 das älteste von sechs Geschwistern, arbeitet hart, zusammen mit seinem Vater. Der ist Milchkutscher. Bonna schweigt viel und will eigentlich nur raus. Überall sucht der Junge die Einsamkeit, verdrückt sich am liebsten zu den stillen Kaninchen auf dem Hof der Molkerei.
Dann wird der Vater krank, die Braunen kommen an die Macht, und das Essen wird noch knapper. Jedes der acht Kapitel des Romans erzählt ein Jahr, von 1932 bis 1940. Schon im zweiten geht Bonna zum Treffen der Hitlerjugend, zu dem "braunen Gesocks", wie sein Vater schimpft. "Nur mal ansehen, Papa", bittet Bonna. Und fügt für sich selbst, in Gedanken, hinzu: "Mal rauskommen aus der Misere."
Fast 50 Bücher hat Dagmar Chidolue in den vergangenen 30 Jahren geschrieben, sie ist bekannt für starke und freche Mädchenfiguren. "Lady Punk" brachte ihr 1986 den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. Zuletzt veröffentlichte sie etliche Bücher in ihrer Reihe um "Millie", eine Fünfjährige auf Reisen: Das war Literatur für die Kleinen, manchmal von wunderbarem Witz ("Millie in London") und manchmal etwas bieder ("Millie in Berlin").
Mit "Flugzeiten" geht die Autorin einen neuen, riskanten Weg. Sie erzählt vom Aufwachsen in den Dreißigern. Und muss, wie ihre Figur, politische Reflexionen meiden. So stehen die ersten "Heil Hitler"-Rufe neben den ersten Blicken auf Mädchenkörper, die erste Zigarette neben frühreifem Gerede vom Völkerbund, der das deutsche Volk angeblich unterdrückt.
Das alles wird schmerzhaft genau bis ins Aufdringliche erzählt. Von Gerüchen und vom Sex der Eltern ist die Rede, von den schmutzigen Menstruationsbinden der Schwester. "Klunkermus" heißt klumpige Suppe, "Dingsleidam" sagen Mutter und Schwestern statt Dingsda - und so bekommt die Erzählung den betulichen Tonfall, der vielleicht wirklich in einer armen Familie Ostpreußens gesprochen wurde.
Je tiefer Bonna sich in die Nazi-Organisationen ziehen lässt, umso erhellender wird der radikale, alles aufnehmende Blick von unten. Vor einem Aufmarsch im Schneeregen ahnt er ganz Banales: "Die Stiefel erweisen sich als allzu glatt", stellt er sich vor. "Der Marschschritt ist nicht einzuhalten. Da holtert und poltert es in den Reihen. Ein einziger Eiertanz." Er will lachen und verkneift es sich doch vor den Kameraden.
Denn Bonna träumt vom Fliegen. Bei Jungvolk und Fliegerklub bastelt er erst Flugzeugmodelle, dann wirkliche Segelflieger. Mit Kriegsausbruch meldet er sich bei der Luftwaffe. Und nun kämpfen zwei Tendenzen des Romans gegeneinander: Chidolue möchte ihre Figur schützen, aber ihre eigenen Beobachtungen sind zu scharf. Bonna redet wenig, heißt es. Aber die Uniform will er um jeden Preis.
Dieser junge, seltsame Stoiker nimmt alles nur gleichmütig hin. "Was soll man denn schon machen?", sagt er einmal. Und hin und wieder - egal ob über die Nazis oder eine Frau mit "enormen Brüsten" (letzteres übrigens dann doch etwas zu oft) - zeigt er seine Begeisterung schlicht so: "Das hat was!" So sympathisch er ist, bleibt er ein Mitläufer. Wenn ihn etwas entschuldigt, ist das weniger die Jugend als die Tatsache, dass er auch leidet. Etwa unter der diffusen Angst, "abgeholt" zu werden.
Adorno hat einmal von der Geschichtsschreibung über die Opfer verlangt, dass an ihr "das Äußerste aufginge, ohne das es thematisch würde". Vielleicht kommt es ja diesem hohen Anspruch nah, Randfiguren über den Alltag sprechen zu lassen. Ist nicht auch Blechtrommler Oskar Matzerath ostentativ eine Nebenfigur, an der sich der Wahnsinn seiner Zeit darstellt?"
Flugzeiten" dürfte Chidolues persönlichstes Buch sein. Sensburg war ihr eigener Geburtsort. Leider thematisiert sie kaum, dass sie in diesem Roman auch die Geschichte ihres Vaters erzählt. Der Klappentext weist darauf hin, das Vorwort erwähnt lediglich eine Aussprache, die stattfand und über die man gern mehr gewusst hätte. Das Nachwort spricht nur lapidar von "einer Tochter", die der reale Bonna 1944 bekam. Es war Dagmar, die Autorin. Welche Kraft hätte darin gelegen, hin und wieder davon zu sprechen!
Dagmar Chidolue traut jugendlichen Lesern wohl nicht zu, mit komplexen Modellen der Erzählperspektive umzugehen. Wahrscheinlich darf man ihr keinen Vorwurf machen. "Flugzeiten" ist im Kern ein konventionelles Jugendbuch - und als solches sehr gelungen. Immerhin arbeitet es Propaganda-Broschüren und Lieder der Zeit ein, nutzt teilweise die Form der Collage.
Am Ende fördert diese Geschichte noch eine Ahnung: Dass es sich hier auch um ein Jugendbuch vor allem für diejenigen handle, die damals Jugendliche waren - heute also die Zielgruppe ab 65. Über die Kriegs- und Nachkriegskinder wird zurzeit, etwa seit Michael Frayns "Spionagespiel" oder dem ergreifenden Sachbuch "Die vergessene Generation" der Radiojournalistin Sabine Bode, zum ersten Mal intensiv nachgedacht. Nun hilft ausgerechnet Jugendliteratur, sie noch besser zu verstehen.
Dagmar Chidolue:
Flugzeiten.
S. Fischer, Frankfurt/M. 254 S., 12,90 Euro. Ab 12 J.


Copyright des Textes © Die Welt 2007