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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Die Zeit 22.03.2007


Braunes Gesocks, oder: "Das haut rein, das bringt was!"

Acht Jahre in Ostpreußen, 1932 bis 1940, für jedes Jahr ein Kapitel, so strukturiert Dagmar Chidolue ihren neuen Roman Flugzeiten. Sie erzählt die Geschichte ihres Vaters, Kindheit und Jugend des Bruno Schildt, genannt Bonna. Ein Fahrrad hat er sich gekauft, selbst verdient, Sportzeitung ausgetragen. Seine kleine Freiheit auf zwei Rädern, manchmal muss Bonne einfach raus, da wird's ihm zu eng und zu laut, die Gerüche, die fünf Geschwister, nervtötend. Aber sonst ist Sensburg, die "kleine Stadt am Ende des Reiches" fast noch ein Idyll. Sein Vater gehört zum Spielmannszug des Reichsbanners, schimpft auf das "braune Gesocks".
Beiläufig erzählt Dagmar Chidolue aus der Perspektive des Jungen, zeichnet fast anfassbar das Milieu. Ganz nahtlos geht die alte Normalität in eine neue über, mit einer Mixtur aus bewährter Lagerfeuerromantik und forscher Technikbegeisterung. "Jungvolk! Hitlerjugend!", Bonnas Vater ist empört, aber der Sohn setzt sich durch. Gehen schließlich alle dahin, ist Vorschrift. Mit den Phrasen der Nazis kann der wortkarge Junge wenig anfangen, aber die neue Schneidigkeit in Uniform, da will er doch dabei sein. Paraden mit Musik: "Das haut rein, das bringt was." Und obendrein der Traum vom Fliegen: Erst basteln sie Modelle, dann stehen sie im Drillich auf dem Segelflugplatz. Die erste Enttäuschung kommt 1939: "Gefreiter Schildt, Sie sind zur Ausbildung zum Flugzeugführer nicht zugelassen:" Wegen der Augen. Bonna steckt das weg, als Mechaniker bleibt ihm die "Drecksarbeit an der Front" erspart. Noch fühlt er sich wohl unter den Siegern. So endet das Buch, die Geschichte geht weiter.
Flugzeiten (von Dagmar Chidolue) und Beerensommer (von Inge Barth-Grözinger) - zwei erfreuliche, überzeugende Romane, die in ihren besten Passagen die Erinnerung lebendig zu halten und das Erbe von Zeitzeugen literarisieren, ohne ins Illustrative abzurutschen.
REINHARD OSTERROTH