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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Kronberger Bote 26.04.2012

Voller Einsatz für Autorin Chidolue am Welttag des Buches bei Lesung an der Altkönigschule

„Muss man das, worüber man schreibt, selbst erlebt haben?“ Camilla, Katharina, Dagmar Chidolue und Tabea (v.l.n.r.) im Gespräch. Foto: privat Kronberg (kb) – Ganz aufgeregt sind Katharina (10), Tabea (11) und Camilla (10). Sind sie doch zum ersten Mal als Journalistinnen im Einsatz: Die drei Fünftklässlerinnen dürfen die Kinder- und Jugendbuchautorin Dagmar Chidolue interviewen, die anlässlich des Welttages des Buches die Altkönigschule (AKS) besuchte. Mehr als 20 Fragen haben sie vorbereitet, und in der erst im Januar eingeweihten neuen Schülerbibliothek der Altkönigschule legen die drei dann auch gleich los. Sie fragen Chidolue nach der Bedeutung von Büchern, nach Lieblingsschulfächern, nach Geschwistern und Haustieren, nach den Lieblingsbüchern aus ihrer Kindheit, den Lieblingsfiguren aus ihren eigenen Büchern und wollten wissen, was Chidolues Kinder von ihren Büchern halten.

Chidolue antwortet ausführlich, erzählt anschaulich und spannend. Es habe Zeiten gegeben, da habe ihre jüngere Tochter hinter ihr gestanden und ihr die neuen Seiten nahezu aus der Schreibmaschine gerissen, immer dann, wenn Chidolue ein neues Blatt eingespannt habe, aber irgendwann habe das nachgelassen. „Na klar“, meint Tabea ganz verständnisvoll, „ihre Tochter ist ja auch älter geworden.“ Katharina hakt nach: „Haben Ihre Kinder denn was von ihnen geerbt– das Schreibtalent zum Beispiel?“ Chidolue lacht: „Nein, gar nicht. Die große Tochter hat wenn überhaupt nur meinen großen Zeh.“ Ganz souverän führen die Mädchen das Gespräch und erfahren, dass Chidolue in ihrem Schlüsselroman „Das Maisfeld“ die Geschichte ihrer Kindheit erzählt – wenn auch mit Abwandlungen, unter anderem habe sie damals beim Schreiben aus sich den Jungen Benjamin gemacht. Darüber habe sie sich später aber so geärgert, dass sie einen weiteren Roman über ihre Kindheit habe schreiben müssen: In „Zuckerbrot und Maggisuppe“ erzählt sie vom Kindsein in den 50er-Jahren aus der Perspektive eines Mädchens, ihrer eigenen Perspektive.

Die Frage nach der Bedeutung von Büchern beantwortet die Autorin, wie es sich für eine solche gehört: „Bücher sind so wichtig, weil man das Schreiben durch Lesen lernt!“ Beim Lesen lerne man, wie die Wörter geschrieben würden, und man lerne immer wieder neue Wörter kennen. Wenn man viel lese, entstünden die Formulierungen im Kopf wie von selbst. „Wenn man Geschichten liest, von denen man möchte, dass sie nie enden, entsteht automatisch der Wunsch, selbst zu schreiben. Dabei darf man natürlich nicht von anderen abschreiben, das wäre ein Plagiat. Man muss einen eigenen Plot, den Kern einer Geschichte entwickeln. Am besten überlegt man, was es für Geschichten im eigenen Leben gibt, was spannend ist, welche Figuren man wirklich kennt.“ Daraus entstünden dann „echte“ Geschichten, mit denen Chidolue immer schon am meisten habe anfangen können.

Wenn das Lesen auch für ihre eigene schriftstellerische Arbeit so wichtig war und ist, ist es nicht verwunderlich, das sich Chidolue an der Aktion „Lesefreunde“ der Stiftung Lesen beteiligt hat. Im Rahmen dieser Aktion durften 33.333 Lesefreunde sich ein Buch aussuchen, das sie dann 30 mal verschenken sollten, um so Lesevergnügen zu teilen und auch anzustiften. Chidolue entschied sich, ihre Exemplare einer Schule zu stiften, so könne ihr Geschenk „Multiplikator“ werden, indem es durch mehrere Schülerhände geht. Sie wählte aus der vorgegebenen Liste den Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ von Thomas Brussig aus – nicht zuletzt weil viele heutige Schüler über das geteilte Berlin kaum etwas wissen. Im Namen der Fachschaft Deutsch freute sich Lehrerin Rita Eichmann nun sehr über das Bücherpaket. Sie kann sich einen Einsatz der Lektüre in der neunten oder zehnten Klasse gut vorstellen.

Ganz spontan steht Chidolue dann auch noch für eine Lesung und ein Gespräch mit einer achten Klasse bereit. Aus dem Roman „Flugzeiten“, in dem sie das Leben ihres Vaters zwischen 1932 und 1940 erzählt, liest sie eindrucksvolle Stellen vor und kommt immer wieder ins Erzählen. Sie berichtet, warum sie dieses Buch schreiben wollte. Als Fünfzehnjährige habe sie das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen und ihre Eltern viel zur Zeit des Nationalsozialismus gefragt. Ihr sei es ein Anliegen gewesen, ihren Vater zu verstehen. Sie habe immer wissen wollen, warum er nicht „Nein“ zum Nationalsozialismus und zur Ideologie der Nazis gesagt habe. „Als Jugendliche hat er mich nicht ernst genommen und nichts erzählen wollen“, sagt Chidolue, „mich aber hat die Frage nicht losgelassen.“ Erst viel, viel später habe er tatsächlich mit ihr darüber sprechen können. „Er hat mir Dinge erzählt, die er jahrzehntelang in sich vergraben hatte. Es war wohl wie eine Art Befreiung für ihn, diese einmal loszuwerden.“ Sie habe viel recherchiert und sei mehr als beeindruckt, wie genau die Erinnerungen ihres Vaters mit den Ergebnissen ihrer Recherche übereingestimmt hätten (bis hin zu seinen Erinnerungen an die Wetterverhältnisse). Juliane Weber, Leiterin der Bibliothek, freut sich sehr über die Veranstaltung am Welttag des Buches: „Jetzt haben wir diese wunderschöne große Bibliothek und können endlich Veranstaltungen wie diese durchführen.“ Am liebsten würde sie gleich die nächsten Lesungen planen – oder auch eine „Schreibwerkstatt“ mit einem Profi. Auch Lehrerin Eichmann freut sich über den Besuch der Autorin – und betont, dass die Leseförderung natürlich im „normalen“ Unterricht ebenfalls eine ganz hohe Priorität habe. Dass jüngere von älteren Schüler dabei lernen können, beweist der „Lesepatenunterricht“, der nun schon im zweiten Jahr an der Schule erfolgreich stattfindet. Neuntklässler unterstützen im Rahmen ihres Wahlunterrichts leseschwache Fünftklässler bei der Verbesserung ihrer Lesekompetenz und der Entwicklung von Lesestrategien. „Oft wichtiger als Strategiewissen und Übungseinheiten ist dabei der Kontakt zwischen dem Paten und seinem Patenkind und der Spaß an einer gemeinsamen Lektüre“, berichtet Eichmann. Kollegin Verena Lux pflichtet ihr bei. Gerade in den Förderstufen- und in den Haupt- und Realschulklassen sei es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler erst einmal erfolgreiche Leseerlebnisse erreichten. Dafür setzt sie schon seit Jahren „Bücherkisten“ ein, die der Kronberger Lions-Club für diese Arbeit stiftet. In den Bücherkisten stecken motivierende, schülernahe Romane, aus denen die Schülerinnen und Schüler sich ihre Lektüre selbst auswählen. Sie notieren, wie viele „Kilometer“ Textzeilen sie lesen. Der „Marathonleser“ wird am Ende des Schuljahres belohnt. „Wenn Kinder, die am Anfang des Schuljahres freiwillig kein Buch in die Hand genommen hätten, plötzlich Woche für Woche ein neues Buch aus der Kiste mit nach Hause nehmen, dann hat der Lions Club sein Büchergeld sinnvoll investiert“, freut sich Lux.

 

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