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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Neue Zürcher Zeitung 08.08.2007


Nationalsozialismus hautnah Zwei Jugendbücher über die Verführungskraft des «Dritten Reichs»

Zwei Jugendbücher über die Verführungskraft des «Dritten Reichs»

Dagmar Chidolue, eine der namhaften Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands, hat ein berührendes Buch vorgelegt, das keine Geschichte des Widerstands erzählt, sondern einen Entwicklungsroman zwischen materieller Not, verzweifelter Hoffnung, sukzessiver Enttäuschung und Scham. Es ist die Geschichte des 1919 geborenen Vaters der Autorin, der in ärmsten ostpreussischen Verhältnissen aufwächst und in den Verheissungen der nationalsozialistischen Jugendarbeit eine Perspektive sieht, der familiären Enge zu entkommen. Weg von den fünf Geschwistern in einem Zimmer, weg vom unvermeidlich belauschten Koitus der Eltern und vom Gestank, der aus der nahen Toilette kommt. Sein Traum vom Fliegen kann sich der Knabe in der Luftwaffe erfüllen; 1937 tritt er freiwillig in die Wehrmacht ein. Die Autorin (Jahrgang 1944) schreibt im Vorwort, dass der Vater erst kurz vor seinem Tod im Jahr 2005 bereit war, mit der Tochter über seine Nazi-Karriere zu sprechen. Frühere Fragen habe er abgetan mit «Du hast ja keine Ahnung, was für Zeiten das damals waren».

Was waren das für Zeiten? Was lässt sich erzählen? Wenn der Krieg vorbei ist, ist der Krieg noch lange nicht vorbei. Die folgenden ein, zwei Generationen wachsen zwar in Frieden und vielleicht in materiellem Wohlstand auf, erzogen aber werden sie von traumatisierten, ideologisch vergewaltigten Eltern, die mit dieser Vergangenheit nichts mehr zu tun haben wollen. Solange diese Eltern aber nicht sprechen, ist auch den Nachkommen das Verständnis ihrer eigenen Geschichte verwehrt. Chidolue erzählt die Entwicklung des 13-jährigen Bonna bis zur Volljährigkeit konsequent aus dessen Perspektive. Verführung ist immer eine Frage der Psychologie. Und so nimmt sie die seelische Not des Pubertierenden und seine wütende Glückserwartung ernst. Wo die beginnende Männlichkeit nur Angst und Verwirrung stiftet, wird das Führungsprinzip von unten zum Korsett der Unsicherheit. Intuitiv taucht der Leser ein in den Aufschwung der ganz normalen Barbarei. Und doch zeigt Chidolue, wie die persönliche Stärke eben keine Frage der Uniform und des Kommandos ist, sondern aus der selbst eingestandenen Schwäche wächst. So wird «Flugzeiten» aus dem Mund der Tochter ein eindrückliches und kostbares Zeugnis des Vaters.(...)


Angelika Overath

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