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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Süddeutsche Zeitung 06.11.2002


Die Brotsuppe schmeckt lila

Autobiographische Erinnerungen an eine Kindheit in den 50er Jahren

Der Onkel ist tot, die Mama heult, und die Brotsuppe schmeckt lila. Frauen ohne Männer heißen Kriegerwitwen, das Gulasch ist aus Pferdefleisch, und die Kinder haben Würmer. Ein Papa wird erwähnt, kommt auf Seite 28 in fünf Zeilen als jemand vor, der mittags das meiste zu essen bekommt.

Das alles erzählt ein achtjähriges Mädchen namens Jutta, ein Flüchtlingskind, "auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass ich mal auf der Flucht war". Nun ist sie in Gütersloh in Westfalen, "man muss das vollständig sagen, weil keiner weiß, wo das liegt".

Dort gilt Jutta auch noch 1951 als Flüchtling, und die anderen Mädchen aus ihrer Schule spielen nicht mit ihr. Sie wünscht sich so weiße Kniestrümpfe wie die Unerreichbaren und nimmt mit Nachbarkindern vorlieb. Sie hat immer Hunger. "Flüchtlinge sind bedürftig", und deshalb bekommt sie als einzige in der Klasse so genannte Liebesgaben, und eine Rot-Kreuz-Vertreterin bringt der Mutter eine Kleiderspende aus geflickten Unterhosen. "Denken Sie, dass wir jeden Mist tragen?" fragt die Mutter mit spitzer Stimme ... Die Frau vom Roten Kreuz hat ein dunkelrotes Gesicht bekommen. "Auch noch fein sein wollen!" sagt sie. Für diese Mama ist "der Krieg noch ganz nah", aber für den Papa "ist es ein guter Krieg gewesen", er hat ein schönes Fotoalbum vom Krieg. Er "ist schon auf der ganzen Welt gewesen ... und auf jedem Bild lacht er. An seiner Seite sind Frauen zu sehen, rechts und links". Und nun arbeitet er für "den Engländer", für die englische Besatzungsmacht, auf dem ehemaligen Fliegerhorst, weil er "mit Flugzeugen umzugehen weiß. Er ist nicht abgestürzt".

In dieser Welt, in der der Hunger nach Brathuhn und dem wahren Leben schon wieder in der Kleinbürgerlichkeit der Verschonten erstickt oder reglementiert wird, wächst Jutta auf. Die Autorin lässt das Mädchen mit scharfem Blick beobachten, wie man in Wohnküchen wohnt, sich mit einer plötzlich "von den Russen" auftauchenden Oma abfindet und mit Maggisuppe feiert. Erste Erfahrungen weniger mit dem anderen Geschlecht als vielmehr mit den Erwachsenen werden gemacht, die bei jedem unschuldigen Spiel schon das wittern, was sie selbst verdrängen. Bei dieser distanzierten Position der Protagonistin lässt sich eine gewisse Altklugheit nicht vermeiden. Sie wird ausgeglichen durch die Details des ungeschminkten Alltags, aus denen sich das Bild einer Familie in der gerade gegründeten Bundesrepublik Deutschland ergibt, das man typisch nennen kann.

Ein Bericht, der etwas erzählt, was so noch nicht erzählt worden ist. Und der dadurch, dass Jutta begreift, wie wenig sie von dem versteht, was um sie her geschieht, eine merkwürdige Trauer erhält. "Es geht im Leben manchen Leuten gut und manchen schlecht. Das lerne ich aus den Lebensgeschichten, und ich weiß nicht, ob man das im eigenen Leben ändern kann."

Die Autorin, auf deren Kindheitserinnerungen dieser Roman basiert, könnte sich diese Frage wohl im Guten beantworten. Der Reiz ihrer Geschichte liegt sicherlich auch darin, dass sie sie - auch für die Generation ihrer Leser - offen lässt.

SYBIL GRÄFIN SCHÖNFELDT

 

© Süddeutsche Zeitung