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Dagmar Chidolue - Presseartikel


Süddeutsche Zeitung 21.03.2005


Händchenhalten und ein verrutschter Kuss

Jutta und ihre Freundinnen: eine Geschichte von Liebe, Anstand und Schande aus den prüden fünfziger Jahren

Um Liebe, die große Unbekannte, drehen sich die Träume und Phantasien von Jutta und ihren Freundinnen im Jahr vor ihrem Schulabschluss. Nach der Schule wartet das Leben, oder? Was wartet im Sommer 1957? Wie kann man das Geheimnis Liebe lüften, wenn alles, was damit zusammenhängt, unanständig oder verboten ist? Wenn alle Erwachsenen bei diesem Thema missbilligend die Lippen zusammenkneifen?

Wie verklemmt waren sie nun wirklich in der Nachkriegszeit, die man später die Adenauer-Ära nennen wird? Wie versuchten sie, zwischen den Trümmern auch aller Alltagswerte mit sich und dann mit ihren Kindern zurechtzukommen? Ängstlich auf Anstand bedacht, der von heute her betrachtet beschränkt und wie schuldbewusst erscheint. Noch hatte Oswald Kolle nicht via Illustrierte und Fernsehen die Nation sexuell aufgeklärt. Noch empörte das Wort "Busen" im Text eines Fortsetzungsromans im stern die Leser so, dass sie das Blatt verklagten. Noch sagten die Mütter "da unten", wenn sie die Geschlechtsorgane meinten und "Bleib anständig!", wenn sie vor der Betätigung mit denselben warnten.

In aller Unschuld

Diese Zeit ist mehr als eine Kulisse für Chidolues Roman. Ihre Heldin Jutta, 15 Jahre alt, lebt in einer norddeutschen Kleinstadt und versucht zwar, aus Schlagern, Aufgeschnapptem und romantischer Literatur zu begreifen, was Liebe wohl sein könnte, doch Filme und Romane blenden immer im interessanten Augenblick aus, und ihre Erziehung ist durchtränkt von Prüderie und Ängstlichkeit. Jede abfällige, gehässige, hämische Bemerkung des Vaters, der Tante, Nachbarin und Großmutter über Anstand, Sex und Schande dringt Jutta tief ins Herz, das eigentlich in aller Unschuld vor Liebe glühen möchte.

Die Autorin umringt ihre zwischen Zurückhaltung und Davonstürmen schwankende Heldin mit Mädchen und Frauen, die ihr alle möglichen Spielarten der Liebe und ihrer Folgen vorführen. Glück und Enttäuschung, unsittliche Onkelehe, um die Krieger-Rente nicht zu verlieren. Verführung. Betrug und Schwangerschaft. Weise Ratschläge? Abschreckung? Jutta kümmert sich nicht darum, beginnt aber zu begreifen, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss, was auch immer "die Leute sagen". Sie, die im vorigen Sommer für den einen schwärmte, verliebt sich nun in den letzten Schulferien auf dem Lande in ihren Vetter, aber mehr als Händchenhalten und ein verrutschter Kuss wird nicht gewagt, so sehr es sie auch treibt. Und natürlich bleibt der Vetter brav. Alles bleibt Anfang.

Diese Geschichte eines Sommers ist mit dem garniert, was damals Mode war, vom Moped bis zum Petticoat, und schließt an den Band Zuckerbrot und Maggisuppe an, in dem die ersten Nachkriegsjahre von Jutta und ihrer Flüchtlingsfamilie geschildert wurden. Beide Bücher leben von der genauen Rekonstruktion der Gefühle und dem Kaleidoskop der Bilder. War's damals so? Sicher nicht überall, nicht in allen Familien. Es gab genauso gut die heitere, unbeschwerte Freude am Leben, an der Freiheit. Verklemmtheit und Freizügigkeit, Licht und Schatten gehören aber zusammen, bedingen einander und haben ein Jahrzehnt später zur gesellschaftlichen Explosion geführt, zum Sturm gegen bürgerliche Verlogenheit und Muff, nicht nur unter den Talaren. Deshalb ist es gut, auch an die Bedrückungen der fünfziger Jahre zu erinnern.

SYBIL GRÄFIN SCHÖNFELDT

 

© Süddeutsche Zeitung